KI-gestützte Kundensegmentierung: Was ist das?

Alexandra ConnorAktualisiert am 1. August 20267 Min. Lesezeit

„Zeige mir alle Kunden, die in den vergangenen sechs Monaten gekauft, aber seit mindestens 60 Tagen keine E-Mail mehr geöffnet haben."

Ein Satz genügt – und wenige Augenblicke später steht das passende Segment. Das CRM übersetzt die Anfrage in Filter, verknüpft Kauf- und Interaktionsdaten und identifiziert alle Kunden, auf die diese Kriterien zutreffen.

Das ist KI-gestützte Kundensegmentierung. Doch wie viel Intelligenz steckt wirklich dahinter?

Der Begriff weckt schnell die Vorstellung eines Systems, das den Kundenbestand eigenständig analysiert, bisher unsichtbare Zielgruppen erkennt und frühzeitig zeigt, wer wahrscheinlich erneut kauft oder ein erhöhtes Abwanderungsrisiko hat. Im Idealfall empfiehlt es zusätzlich die passende Botschaft, den richtigen Zeitpunkt und den wirksamsten Kanal.

Doch was davon leisten CRM-Systeme heute tatsächlich? Unter dem Begriff KI-Segmentierung werden sehr unterschiedliche Funktionen angeboten – von der Segmenterstellung per Texteingabe bis zu komplexen Prognosemodellen.

Was ist KI-gestützte Segmentierung?

Kundensegmentierung bedeutet zunächst, Kunden anhand relevanter Gemeinsamkeiten in Gruppen einzuteilen. Klassische Segmente folgen festgelegten Regeln: Neukunden, Mehrfachkäufer, besonders umsatzstarke Kunden oder Kunden, deren letzter Kauf länger zurückliegt.

Bei einer KI-gestützten Segmentierung übernimmt künstliche Intelligenz oder Machine Learning einen Teil dieser Arbeit. Sie kann Segmentregeln aus einer Texteingabe erzeugen, zukünftiges Verhalten prognostizieren, Ähnlichkeiten zwischen Kunden erkennen oder neue Gruppen in großen Datenbeständen finden.

Dabei geht es nicht darum, ob ein Segment sich automatisch aktualisiert. Auch ein klassisches Segment kann dynamisch sein: Sobald ein Kunde die festgelegten Bedingungen erfüllt, wird er aufgenommen. Erfüllt er sie nicht mehr, fällt er wieder heraus. Dafür ist keine KI erforderlich.

KI kommt dort ins Spiel, wo ein System Sprache interpretiert, Wahrscheinlichkeiten berechnet oder Muster erkennt, die nicht bereits vollständig als Regel vorgegeben wurden.

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Was die KI heute tatsächlich übernimmt

1Segmenterstellung per Texteingabe

Die am leichtesten zugängliche Form ist die Segmenterstellung per Texteingabe. Systeme wie HubSpot oder Klaviyo übersetzen eine natürlich formulierte Beschreibung in technische Filterbedingungen. Das spart zunächst Zeit.

Doch wer regelmäßig Selektionen erstellt, weiß: Der Teufel steckt im Detail. Hat die KI die üblichen Ausschlusskriterien berücksichtigt? Wurde aus mehreren verfügbaren Datumsfeldern das richtige ausgewählt? Und sind die Bedingungen korrekt miteinander verknüpft?

Ein präziser Prompt und eine sorgfältige Kontrolle bleiben daher unerlässlich. Und: diese Funktion entdeckt keine neue Zielgruppe. Die fachliche Idee für das Segment kommt weiterhin vom Menschen. Sie übersetzt eine bereits entwickelte Segmentlogik in das System.

2Prognosemodelle

Eine zweite Gruppe bilden Prognosemodelle, wie sie beispielsweise Klaviyo, Microsoft Customer Insights oder SAP Emarsys anbieten. Sie analysieren historische Kauf-, Nutzungs- oder Interaktionsdaten und berechnen für jeden Kunden einen Score. Dieser kann zum Beispiel ausdrücken, wie wahrscheinlich ein erneuter Kauf, eine Abwanderung oder eine Reaktion auf eine Kampagne ist. Auch ein prognostizierter Customer Lifetime Value oder ein erwarteter nächster Bestelltermin kann auf diese Weise entstehen.

Damit verändert sich die Perspektive: Das Unternehmen blickt nicht mehr nur darauf, was ein Kunde bisher getan hat. Es erhält eine Einschätzung, was er mit welcher Wahrscheinlichkeit als Nächstes tun wird.

3Automatische Clusterbildung

Deutlich seltener ist die automatische Clusterbildung bereits als direkt nutzbare Marketingfunktion verfügbar. Optimove bildet mithilfe von Clusteranalysen verhaltensbasierte Micro-Segmente. Salesforce bietet mit „Structured Clustering" inzwischen eine vergleichbare Funktion in Data 360 an – derzeit allerdings noch als Beta. Dabei sucht ein Modell nach Kunden, die sich über mehrere Merkmale hinweg ähneln. So können Gruppen sichtbar werden, die in einer herkömmlichen Segmentierung nicht vorgesehen waren. Ein Cluster ist allerdings zunächst nur ein statistisches Muster. Erst die fachliche Analyse zeigt, was die Kunden verbindet und ob sich daraus eine sinnvolle Kampagne ableiten lässt.

4Lookalike-Modelle

Lookalike-Modelle, wie sie HubSpot und Adobe Real-Time CDP anbieten, starten dagegen mit einer bekannten Ausgangsgruppe. Das Unternehmen gibt sie vor – beispielsweise loyale Mehrfachkäufer – und das System sucht nach weiteren Kunden mit ähnlichen Merkmalen oder Verhaltensweisen. Solche Modelle können helfen, Potenzialkunden im eigenen Datenbestand oder in angebundenen Werbeplattformen zu identifizieren.

Die verschiedenen Verfahren verfolgen damit unterschiedliche Ziele: Einige erleichtern die Bedienung, andere sagen Verhalten voraus oder entdecken Gemeinsamkeiten. Sie sollten deshalb nicht als austauschbare Funktionen betrachtet werden.

VerfahrenWas es leistetTypisches Ergebnis
Segmenterstellung per TexteingabeÜbersetzt eine natürlich formulierte Beschreibung in technische FilterbedingungenEin regelbasiertes Segment, wie es auch manuell erstellt werden könnte
PrognosemodelleAnalysiert historische Daten und berechnet für jeden Kunden einen ScoreKaufwahrscheinlichkeit, Abwanderungsrisiko oder prognostizierter Customer Lifetime Value
Automatische ClusterbildungSucht nach Kunden, die sich über mehrere Merkmale hinweg ähnelnNeue, bislang unbekannte Kundengruppen im Datenbestand
Lookalike-ModelleSucht anhand einer vorgegebenen Ausgangsgruppe nach Kunden mit ähnlichen MerkmalenPotenzialkunden im eigenen Datenbestand oder auf Werbeplattformen

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Die Technik ist nur der sichtbare Teil

In der Vermarktung entsteht mitunter der Eindruck, eine KI müsse lediglich auf den vorhandenen Kundendatenbestand angesetzt werden, um neue Zielgruppen und zusätzliche Umsätze zu finden. In der Praxis beginnt die eigentliche Arbeit früher.

Damit ein Modell Kunden zuverlässig bewerten kann, müssen Käufe, Reaktionen und andere Ereignisse eindeutig einer Person zugeordnet werden können. Es benötigt ausreichend historische Daten und ein klares Ziel: Soll ein Wiederkauf prognostiziert, ein Abwanderungsrisiko erkannt oder eine Produktaffinität berechnet werden?

Wie viele Daten dafür erforderlich sind, hängt vom jeweiligen Verfahren ab. Die Unterschiede zwischen den Plattformen sind erheblich. Klaviyo verlangt für seine Predictive Analytics unter anderem mindestens 500 Kunden mit einer Bestellung und 180 Tage Bestellhistorie. Microsoft nennt für bestimmte Prognosemodelle mindestens 1.000 Kundenprofile und empfiehlt längere Transaktionshistorien. Bei selteneren Ereignissen können deutlich größere Datenmengen notwendig sein.

Entscheidend ist daher nicht allein, wie viele Kontakte in einer Datenbank liegen. Zehntausende E-Mail-Adressen ohne verlässliche Kauf- oder Interaktionshistorie liefern einem Modell wenig Substanz. Ein kleinerer Kundenbestand mit wiederkehrenden Käufen, sauber erfassten Ereignissen und eindeutigen Kunden-IDs kann wesentlich besser geeignet sein.

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Für wen lohnt sich KI-Segmentierung?

Besonders gut passen Prognosemodelle zu Geschäftsmodellen mit vielen wiederkehrenden Kundenaktivitäten. Dazu gehören E-Commerce, Handel, Abonnements, digitale Plattformen und Apps. Dort entstehen regelmäßig Datenpunkte, aus denen sich Kaufzyklen, Nutzungsmuster oder Abwanderungstendenzen ableiten lassen.

Die wichtigere Frage lautet jedoch: Kann das Unternehmen auf das Ergebnis reagieren?

Ein berechnetes Abwanderungsrisiko schafft noch keinen Nutzen. Es wird erst dann wertvoll, wenn für Kunden mit hohem Risiko eine andere Journey, ein passendes Serviceangebot oder eine gezielte Reaktivierung vorgesehen ist. Auch automatisch erkannte Mikrosegmente helfen nur, wenn genügend relevante Inhalte, Angebote und Kanäle vorhanden sind, um sie unterschiedlich anzusprechen.

Ein Unternehmen benötigt deshalb nicht nur Daten für das Modell, sondern auch die Fähigkeit, aus den Ergebnissen Maßnahmen zu entwickeln, sie technisch umzusetzen und ihre Wirkung zu messen.

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Welche Voraussetzungen braucht KI-gestützte Kundensegmentierung?

Zahlreiche CRM- und Marketing-Automation-Plattformen bringen inzwischen fertige Funktionen mit: sprachbasierte Segment-Assistenten, Churn- oder Kaufwahrscheinlichkeiten, Predictive CLV und teilweise automatisch vorgeschlagene Zielgruppen.

Solche Standardfunktionen haben einen praktischen Vorteil: Die Ergebnisse stehen unmittelbar im bestehenden CRM für Kampagnen und Journeys zur Verfügung. Es müssen keine Modelle separat entwickelt, betrieben und regelmäßig aktualisiert werden.

Bevor Unternehmen diese Funktionen einsetzen, lohnt sich jedoch ein Blick auf die Datengrundlage. Sind die Kunden eindeutig identifizierbar? Werden Käufe, Reaktionen und andere relevante Ereignisse vollständig übertragen? Gibt es ausreichend historische Daten? Und sind die Informationen so strukturiert, dass sie zuverlässig ausgewertet werden können?

Lifecycle- und RFM-Segmente können dabei eine solide Grundlage bilden. Sie machen transparent, wo ein Kunde in der Beziehung steht und wie aktuell, häufig und wertvoll er bisher gekauft hat. KI-Modelle können diese Sicht anschließend um eine Prognose ergänzen.

So kann eine RFM-Analyse zeigen, welche Kunden in der Vergangenheit besonders wertvoll waren. Ein Predictive-CLV-Modell schätzt zusätzlich, bei welchen Kunden auch künftig ein hoher Wert zu erwarten ist. Ein Churn-Modell erkennt möglicherweise, bei wem sich das Verhalten gerade verändert.

Wie hilfreich diese Prognosen sind, hängt jedoch entscheidend von ihren Eingangsdaten ab. Je vollständiger, konsistenter und aussagekräftiger die Kundendaten sind, desto besser kann KI die bestehende Segmentierung ergänzen.

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Der beste Einstieg beginnt mit einer Geschäftsfrage

Wer KI-Segmentierung ausprobieren möchte, braucht deshalb nicht sofort eine umfassende KI-Strategie. Ein klar begrenzter Anwendungsfall reicht für den Anfang.

Eine gute Ausgangsfrage wäre beispielsweise: Welche Erstkäufer haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten 90 Tage erneut zu bestellen? Oder: Bei welchen bisher aktiven Kunden steigt das Risiko, dass sie nicht mehr zurückkehren?

Daraus lässt sich ein überschaubarer Pilot entwickeln:

  • 1Ein konkretes Zielverhalten auswählen.
  • 2Datenqualität und verfügbare Historie prüfen.
  • 3Einen vorhandenen Score oder ein Standardmodell nutzen.
  • 4Eine passende Kampagne für die Zielgruppe entwickeln.
  • 5Mit einer Kontrollgruppe messen, ob die Maßnahme zusätzliche Wirkung erzielt.

Dabei sollte nicht nur geprüft werden, ob das Modell unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten berechnet. Entscheidend ist, ob die daraus abgeleitete Behandlung tatsächlich bessere Ergebnisse erzielt als die bisherige Segmentierung.

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KI-Segmentierung ergänzt die bisherige Kundensicht um den Blick nach vorn

KI-gestützte Kundensegmentierung nutzt künstliche Intelligenz, um Segmentregeln zu erstellen, Ähnlichkeiten zwischen Kunden zu erkennen oder zukünftiges Verhalten vorherzusagen. Je nach Methode entstehen daraus automatisch gebildete Kundengruppen, Lookalikes oder Prognosen zu Kaufwahrscheinlichkeit, Abwanderungsrisiko und Customer Lifetime Value.

Sie lohnt sich besonders für Unternehmen mit vielen wiederkehrenden Kundenaktivitäten, einer verlässlichen Datenhistorie und einem konkreten Anwendungsfall. Entscheidend ist, dass sich aus den Ergebnissen unterschiedliche CRM-Maßnahmen ableiten und deren Wirkung messen lassen.

Für viele Unternehmen liegt der sinnvollste Einstieg in den KI-Funktionen, die ihre CRM- oder Marketing-Automation-Plattform bereits anbietet. Lifecycle- und RFM-Segmente liefern dafür eine verständliche Grundlage; KI kann sie um Prognosen und bislang unerkannte Muster ergänzen. So entsteht schrittweise eine Segmentierung, die sowohl das bisherige als auch das wahrscheinliche zukünftige Kundenverhalten berücksichtigt. Einen Überblick über alle Grundlagen des Kundenlebenszyklus findest du in unserem Leitfaden zum Customer Lifecycle.

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Alexandra Connor

Autorin

Alexandra Connor

Alexandra Connor entwickelt und steuert seit vielen Jahren CRM- und Lifecycle-Programme für Handels- und E-Commerce-Unternehmen. Sie hat ihr Handwerk in zahlreichen großen Unternehmen im In- und Ausland gelernt und dort mehrfach erfolgreiche CRM-Teams aufgebaut – mit Praxiserfahrung von Telekommunikation über Retail und E-Commerce bis hin zu Gastronomie, Gesundheit und Bildung. Eine ihrer Lifecycle-Kampagnen wurde 2022 mit Gold beim E-Mail-Marketingpreis ausgezeichnet. Heute arbeitet sie freiberuflich als Senior Consultant für Unternehmen und Agenturen – mit Schwerpunkt auf Lifecycle-Management, Datenqualität und Kampagnenmanagement.

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